Mein Weg nach Deutschland

Seit dem Jahr 2015 besuchen viele geflüchtete Kinder und Jugendliche das SMG. Im Jahr 2019 und 2020 haben die ersten beiden Schüler die Schule nach ihrem bestandenen Abitur verlassen. Eine Schülerin, die zur Zeit am SMG zur Schule geht, hat einen sehr berührenden Text geschrieben, in dem sie ihre Flucht aus Syrien und ihre Ankunft in Deutschland und schließlich in Ingelheim beschreibt. Wir freuen uns sehr, dass sie ihre Gedanken, Gefühle und Erfahrungen mit uns teilen möchte. Wir möchten Ihnen die Lektüre des Textes sehr ans Herz legen.


Liebes Tagebuch,

Syrien im Juni 2015

Ich muss dir unbedingt was erzählen, was ganz wichtig ist. Am Montag, den 25.06.2015, ging ich ganz normal zur Schule mit meinen Freunden. In der ersten und zweiten Stunde hatte ich Mathe. Bahhh! Verdammt! In Mathe bin ich überhaupt nicht gut. Aber die Stunde ist schnell vorbei gegangen und wir haben auf die nächste Lehrerin gewartet. Währenddessen habe ich mit meinen Freunden gespielt, dann kam die Lehrerin. Plötzlich fiel eine Bombe nah bei unserer Schule. Ich wusste nicht, was das war, aber ich hatte Angst. Alle schrien und sagten, wir werden sterben. Das machte mir noch mehr Angst und ich fing an zu weinen. Deshalb haben meinen Eltern mich sofort von der Schule abgeholt. Bis zum 1. Juli 2015 gab es keine Bomben, wir dachten es werden keine mehr kommen, aber leider schlug kurz danach eine nah an unserem Haus ein. Die Fensterscheiben gingen kaputt und immer wenn Bomben kamen, mussten wir uns auf dem Boden legen! Mein Vater wollte kein Risiko eingehen und ließ uns nicht zur Schule zu gehen. Ein Freund von meinem Vater aus Deutschland rief uns an und sagte: „Ich habe mitbekommen, was bei euch passiert ist. Mohammed, du hast vier Kinder. Komm doch nach Deutschland. Lass sie hier weiter lernen.”

Mein Vater war einverstanden, denn er wollte uns retten. Außerdem verdiente er wenig Geld. Essen, Gemüse und Obst, alles in den Geschäften wurde teurer. Das Leben hier wird noch schlimmer, deswegen fragte mein Vater Leute, die uns helfen konnten, nach Deutschland zu flüchten.

Syrien am 1. September 2015

Heute entschied mein Vater, nach Deutschland zu flüchten, aber Mama war sehr traurig, da sie ihre Eltern verlassen musste. Das alles wegen unserer Zukunft und damit wir in Sicherheit leben. Und hier hat mein Weg nach Deutschland begonnen...

Wir fuhren von Aleppo nach Afrin, damit wir uns von unserer Oma und unserem Opa verabschieden konnten. Sie können leider nicht mitkommen, da sie alt sind, und der Weg ist lang und anstrengend für sie. Mein Vater hat eine Person kennen gelernt, die uns helfen konnte, um in die Türkei zu flüchten. Wir sind nach Azaz gefahren, das ist ein kleines Dorf, das zwischen Afrin und der Türkei liegt. Wir fuhren dorthin, wie der Mann es uns gesagt hat, und wir haben drei Nächte lang versucht zu fliehen, aber die türkischen Männer ließen uns nicht und haben auf uns geschossen. Und der Scheißkerl, der uns helfen wollte, ist weggelaufen und hat uns im Stich gelassen. Wow! Weißt du, wie ich mich da gefühlt habe: Scheiße. Er ist weg, um seine Leben zu retten, aber er hat nicht mal an die kleinen Kinder gedacht, die dabei waren. Ich meine, das ist eine Dummheit, was er gemacht hat, denn er hat uns alle in Gefahr gebracht, obwohl wir gerade vom Krieg weglaufen. Wenn der Weg nicht sicher ist, dann soll er uns auch nicht dort hinbringen. Papa hat gehört, dass Leute von der Grenze zwischen Afrin und der Türkei fliehen. Dort waren tatsächlich Leute, die in die Türkei fliehen. Und da haben wir gewartet, bis es Abend geworden ist, damit wir die Grenze von der Türkei überschreiten konnten. Wir sind um 4:00 Uhr am Nachmittag dort angekommen und durften erst um 1:00 Uhr nachts weiterlaufen. Und weißt du, am Nachmittags war es sehr heiß. Wir blieben circa acht Stunden lang unter der Sonne, glaubst du es? Vor allem war das schlimmste, dass wir kein Wasser hatten und kein Essen mehr. Nach dieser schrecklich langen Wartezeit, haben die türkischen Polizisten gewechselt, auf einmal haben wir uns durchgedrängt, bevor die Polizisten uns erwischten. Dabei habe ich mir meine Hand gebrochen. Es hat zwar weh getan, aber ich habe immer wieder zu mir selbst gesagt, dass ich ein starkes Mädchen bin und dass es schon gut wird. Wir drängten uns durch, ängstlich, und hielten unsere Herzen, denn wenn jemand uns erwischen sollte, hätten sie uns geschlagen und auch getötet, aber Gott war auf unserer Seite und beschützte uns. Nachdem wir uns ein bisschen von der syrischen Grenze entfernt hatten, haben wir uns verlaufen. „Mist! Was sollen wir jetzt machen?“, dachte ich mir. Wir saßen kurz und plötzlich schrie mein Vater etwas zu den drei Familien und uns, denn er hatte ein beleuchtetes Dorf gesehen. Wir liefen auf das beleuchtete Dorf zu, aber der Weg war 20 km lang. Ich weiß nicht, wie ich und meine kleinen Geschwister es geschafft haben, aber es ist uns irgendwie gelungen. Dort haben wir gefragt, wie wir zu der großen Stadt kommen. Hier mussten wir einen Tag lang in einer kleinen Garage schlafen mit anderen Familien, wartend auf den Bus, der uns nach Izmir bringt. Morgens stand ich auf und alle meine Knochen taten mir weh, da ich auf dem Boden geschlafen habe. Meine Tante, die mit ihren zwei Kindern mit uns gekommen ist, rief plötzlich mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht:„Endliiiiiiiiiich, der Bus ist da!!!“ Wir sind eingestiegen und sind ab dann zehn Stunden im Bus geblieben. Es hat mir gefallen, da es endlich was Leckeres gab, der Bushelfer verteilte Kekse und etwas zum Trinken. Ja, glaube mir, da war ich so glücklich und habe gut geschlafen – es war viel, viel besser als zu Fuß zu laufen und auf dem Boden zu schlafen. Klingt schrecklich. Ich dachte daran, was ich alles in Deutschland machen werde: Zuerst werde ich neue Freunde suchen und neue Kleidung kaufen und vieles andere. Ich freue mich so sehr! Der Weg dauerte länger, als ich es dachte, aber Mama erzählte mir mal, wenn ein Mensch Ziele hat und es schaffen will, dann wird der Mensch vieles sehen, erleben und der Weg wird nicht einfach sein.

Izmir (Stadt in der Türkei) im September 2015

Heute ist Montag, der 10. September, und wir sind endlich in Izmir angekommen. Meine Cousine holte uns von der Bushaltstelle ab. Wir sind bei ihr etwa vier Tage als Gäste geblieben. Inzwischen suchte Papa jemanden, der uns den Weg nach Griechenland zeigen sollte. Wir dachten, es wäre besser von Izmir nach Griechenland zu fliehen, da es dort ein Meer gibt, über das wir nach Griechenland fahren könnten. Aber man sagte zu uns, dass es besser sei, zu Fuß von Istanbul nach Griechenland zu gehen und sicherer als mit dem Schlauchboot zu fahren. Aufgrund dessen fuhren wir nach Istanbul, wie es uns empfohlen wurde...

Istanbul (Stadt in der Türkei) im September 2015

Wir sind am 14. September 2015 nach elf Stunden mit dem Bus in Istanbul angekommen. Da sind wir zu unseren Verwandten gefahren. Wir mussten sieben Tage lang bei ihnen bleiben, da wir die ganze Zeit nach jemanden gesucht haben, der uns sicher nach Griechenland führt. Aber Papa hat niemanden gefunden. Immer wenn er jemanden gefunden hatte, gab derjenige einen Termin und kam dann nicht oder er sagte, wir müssten mit dem Schlauchboot fahren. Papa kam immer wütend nach Hause. Er ging ins Zimmer. Mama fragte mit Hoffnung: „Hast du jemanden gefunden?“ Papa antwortete mit wütender Stimme: „Nein, habe ich nicht. Was ist nur mit dieser Menschheit los? Einer, der nicht kommen will, und der andere sagt, ihr müsst mit dem Schlauchboot fahren und sie wissen überhaupt nicht, dass wir voller Hoffnung auf ein „Ja“ warten.“ „Ach Schatz, beruhige dich doch. Die Kinder sollen das nicht mitbekommen. Und du musst Geduld haben. Wir werden schon einen Weg finden“, erwiderte meine Mutter und gab Papa Hoffnung. Mama kam heraus und ich fragte sie: „Mami, was ist mit Papa los?“ Sie antwortete nicht. Oh Mann! Typisch Mama, sie tut so, als ob ich nichts gefragt habe. Wie kann sie das machen? Egal.

Nach ein paar Minuten rief uns mein Vater. Meine Mutter, meine Tante und wir, die Kinder, saßen neugierig auf dem Sofa und hörten aufmerksam zu. Papa behauptete: „Ich glaube, wir haben keine Wahl mehr, wir müssen doch mit dem Schlauchboot fahren. Ich weiß, es ist gefährlich, aber ich habe nachgedacht: Entweder wir schaffen es oder wir sterben zusammen. Was meint ihr, können wir uns darauf einigen?“ Alle schauten Papa verzweifelt an. Meine Mutter und meine Tante waren dabei, aber auch sie waren unsicher und sie meinten: „Entweder schaffen wir es oder wir sterben zusammen.“ Wir entschieden uns mit dem Schlauchboot zu fahren, deshalb fuhren wir wieder nach Izmir.

Izmir (Stadt in der Türkei) und der Weg ans Meer im September 2015

Als wir in Izmir ankamen, ging mein Vater sofort die Rettungswesten kaufen. Wir blieben ungefähr bis 21:00 Uhr im Garten, bis ein Mann uns mit dem Taxi abholte. Wir waren zehn Personen: Papa, Mama, meine Tante, der Taxifahrer und wir die sechs Kinder. Danach fuhren wir drei Stunden mit dem Taxi in ein Dorf, um von dort mit dem Schlauchboot zu fliehen. Danach mussten wir durch die Berge laufen - eine halbe Stunde mitten in der Nacht zu dem Punkt, wo die Schlauchboote sind. Das Doofe war, dass der Taxifahrer uns nicht an den genauen Punkt hingefahren hat. Wir sind irgendwo gelandet. Mist! Wir haben uns nochmals verlaufen, dank dieses Mistkerls!

Das Gute war, dass Papa Guthaben auf dem Handy hatte und damit jemanden anrufen konnte. Papa hat den Mann angerufen, der uns dann nach Griechenland führen sollte. „Hallo, kannst du uns bitte helfen, weil wir uns verlaufen haben?“, fragte mein Vater.

Der Mann antwortete: „Oh Scheiße, wartet mal bitte kurz, ich rufe gleich meinen Freund an, damit er euch abholt und zur Schlauchbootstelle führt."

Papa bedankte sich bei dem Mann. Wir haben eine halbe Stunde auf den Mann gewartet. Als der Mann kam, führte er uns zu dem richtigen Ort. Dort hat es stundenlang geregnet. Wir wurden nass. Für eine Weile war das Wetter regnerisch, aber dann hat es aufgehört zu regnen. Wir mussten noch für paar Stunden warten, denn das Schlauchboot war geplatzt. Nach ein paar Stunden haben die Männer es endlich geschafft, das Schlauchboot aufzupumpen. Dann sagte der Mann zu uns, dass wir als erste Gruppe fahren durften. Wir waren vierzig Personen auf dem Schlauchboot. Als er es gesagt hat, dass wir dran sind, machte mein Herz „boom bommmmm bommmmm“ und vor Angst zitterte ich. Alle hatten Angst und beteten, um gesund anzukommen.

Ankunft in Griechenland und der lange Weg nach Deutschland

Auf dem Schlauchboot hat es zwei Stunden gedauert – von 6:00 Uhr morgens bis 8:00 Uhr morgens. Juhuuuu – wir sind da! Alle schrien laut: „We have arrived!“ Und die Griechen haben auf uns gewartet und hatten Süßigkeiten für uns und hießen uns willkommen. Wir sind nass geworden und sie hatten Kleidung und Schuhe für uns mitgebracht. Das war voll lieb von ihnen. Da haben wir uns sicher gefühlt, endlich. Die Griechen haben uns ein Blatt gegeben, auf dem stand, dass wir nur 48 Stunden Zeit haben, den Ort zu verlassen. Die griechischen Helfer waren so freundlich und haben für uns ein paar Zelte gebaut. Papa ging Ticktes kaufen für das Schiff, damit wir nach Asini fahren.

Am nächsten Tag weckte Mama uns am frühen Morgen um 8:00 Uhr auf. „Yalla, Kinder, aufstehen, wir müssen los!“ befahl Mama uns. Ich wachte auf und fragte: „Gibt es was zu essen? Ich habe Hunger.“ Mama antwortete nicht und weckte meine anderen drei Geschwister auf. Sie hat mich ignoriert. Wir packten unsere Sachen und gingen zum Anlegeplatz des Kreuzfahrtschiffs. Wir sind dort eingestiegen und waren zwölf Stunden auf dem Schiff. Inzwischen rief mein Vater unseren Cousin an, damit wir uns ein bisschen bei ihm ausruhen und Pause machen können. Außerdem haben wir unsere Gruppe verlassen. Schon wieder musste ich meine Freunde verlassen. Ich werde sie zwar vermissen, bin aber daran gewöhnt, Leute zu vermissen und sie zu verlassen, obwohl es schmerzt. Egal. Als wir ausstiegen, war er schon da, auf uns wartend. Er und Papa rannten zueinander und haben sich umarmt, da sie sich nach acht Jahren wieder gesehen haben. Ach, da hat Papa sich gefreut. Als er gelacht hat, habe ich mich so sehr gefreut. Endlich habe ich sein Lächeln gesehen. Wenn ich nur eine Lächeln von ihm sehe, vergesse ich alle meine Schmerzen. Stell dir vor, er hat die Schule abgebrochen, um Geld für seine Mutter zu verdienen. Das alles hat er mit neun Jahren geschafft. Ich bin stolz auf ihn. Nach dieser Freude gingen wir zu meinem Cousin nach Hause. Dort haben wir unsere schmutzigen Kleidung weggeschmissen und neue angezogen. Endlich neue Sachen! Die alten sahen doof aus und waren nicht mehr schön. Aber jetzt habe ich einen neuen Pullover, eine neue Hose und neue Schuhe bekommen. Meine Geschwister und ich haben uns soooooo sehr gefreut und haben uns bei unserem Cousin bedankt. Ich habe eine bisschen mit seiner Tochter gespielt und natürlich haben wir viel geschlafen, das war ganz wichtig. Ich schlief und träumte, wie ich neue Freunde finden werde und ein neues Haus haben werde. Hoffentlich würde es auch wahr. Während wir uns ausgeruht haben, hat Papa mit meinem Cousin die Ticktes für den Bus nach Mazedonien reserviert. Wir haben bis 11:00 Uhr nachts gewartet, bis der Bus kam. Wir stiegen ein und fuhren los. Oh Gott, wir mussten achten Stunden im Bus bleiben! Ich verkürze dir die Geschichte ein bisschen. Wir sind an die mazedonische Grenze gekommen und weißt du, wen ich da gefunden habe? Meine Freunde von der Flucht. Huurrrra!!! Ich drehte mich um und plötzlich sehe ich Lara und Tala. Ich habe sie so fest gedruckt, als hätte ich sie Jahre lang nicht gesehen. Naja, nach diesem schönen Moment war die Grenze offen, wir sind rein nach Mazedonien. Sie haben kontrolliert, ob wir scharfe Sachen oder Metall dabei haben. Sie haben von uns nur das Zelt weggenommen. Ich meine, was soll man mit einem Zelt machen, außer darin schlafen? Warum haben sie es weggenommen? Unnötig, finde ich. Meine Familie und ich sind weiter gelaufen, um ein Zugticket zu reservieren. Wir sind in den Zug eingestiegen und haben keinen freien Platz gefunden, deshalb saßen wir auf dem Boden. Besser gesagt, es gab auf dem Boden keinen Platz zum Sitzen oder zum Schlafen, da die anderen ihre Sachen auf den Boden gelegt hatten. Wir baten um Plätze und manche haben Platz für uns gemacht und manche ignorierten uns, was natürlich blöd von ihnen war. Eine Frau schaute uns angewidert an und sagte: „Entfernt euch von uns!" Das war ein Schock für mich, als hätte jemand einen vollen Eimer Wasser auf mich geschüttet. Ich wollte antworten, aber meine Eltern haben mir so was nicht beigebracht, deswegen haben wir so getan, als ob wir nichts gehört haben. Ich fragte meine Mutter wütend: „Mama, kannst du mir sagen, warum diese Frau so mit uns redet, soll ich ihr antworten? Sie sieht auch arm aus und nicht besser als wir.“ Meine Mutter erwiderte flüsternd: „Nein Jara, das ist falsch. Die Person weiß nichts von mir und meiner Familie. Mein Kind, du weißt nichts, was diese Person gerade für Schmerzen hat, deswegen hast du auch nicht das Recht sie zu beurteilen.“ „Ja, wenn sie Schmerzen hat oder was auch immer, dann soll sie uns doch mit ihren schmerzhaften Worten nicht weh tun! Meinst du, dass sie das Recht hat, unsere Gefühle zu verletzen?“, sagte ich wütend zu meiner Mutter. Sie antwortete: „Nein, sie hat kein Recht, deine Gefühle zu verletzen. Nein, nein, um Gottes willen. Aber du solltest nicht vergessen, dass du in ein anderes Land flüchtest. Das ist nicht die erste und nicht die letzte. Also solche Menschen gibt es überall." „Auch in Deutschland?", wollte ich gerne wissen. Sie behauptete, dass es dort auch solche Leute geben werde. „Em, ich will nicht mehr nach Deutschland gehen, können wir wo anders hingehen?“, bettelte ich. Sie flüsterte wütend:“ Nein, wir flüchten nach Deutschland. Wegen euch. Damit ihr in Sicherheit lernt. Verstanden?“

Ich war verzweifelt und machte mir darüber Gedanken, was ich machen sollte, wenn ich solchen Leuten begegne. Was werde ich sagen oder machen? Ach nein, ich werde mich irgendwo in der Schule verstecken oder nicht nach draußen gehen, damit ich solchen Menschen nicht begegne. Ja, abgemacht, Jara. Aber ich habe trotzdem Angst. Nach diesem Gespräch stiegen wir aus und sind etwa 15 Kilometer weit gelaufen, um nach Serbien zu gehen. Es war dunkel und wir sahen fast nichts vor uns, deswegen sind wir in einen kleinen Fluss gerutscht. Wir sind nass geworden mitten in der Kälte und ich bin wirklich sauer geworden. Trotzdem liefen wir weiter, bis wir die Taxihaltestelle sahen. Wir haben für uns ein Taxi reserviert, was auch teuer war, um zur Grenze von Serbien zu fahren. Es hat etwa eine halbe Stunde gedauert. Als wir dort ankamen, sahen wir viele Leute aus vielen verschiedenen Ländern wie Irak, Marokko, Algerien, Iran, Afghanistan, Syrien und mehr. Eine Familie hatte ihren Schein schon bekommen. Das ist ein Blatt, auf dem steht, dass wir 24 Stunden Zeit haben, Serbien zu verlassen. Sie waren nett und haben uns zwei Decken gegeben, denn das Wetter war schrecklich kalt. Wir mussten zwei Tage lang in einer Schlange warten wegen des Blatts. Da war es wirklich schrecklich, denn wenn ich schlafen wollte, musste ich mich zusammenkrümmen. Mein Rücken ist deshalb kaputt. Außerdem mussten wir unsere Kleidungskoffer wegschmeißen, damit wir nicht viele Sachen rumtragen mussten. Ich wollte meinen Koffer nicht wegschmeißen, weil ich meinen Lieblingspullover darin hatte, aber Papa hat ihn trotzdem weggeschmissen. Plötzlich bemerkten wir nach paar Minuten, dass unser Essen nicht da war und dass das Essen in den Koffern war. „Wir müssen schon wieder hungrig bleiben, Gott, ist das doof!" Schließlich, nach zwei Tagen, haben wir die Erlaubniskarte bekommen. Wir bekamen die Karte um 10:00 Uhr morgens. Und - Abrakadabra - sind wir aus Serbien weg. Schon wieder mussten wir in einen Bus einsteigen für ungefähr acht Stunden, um nach Kroatien zu gelangen. Die Polizisten haben uns dieses Mal genau kontrolliert zur Sicherheit. Danach stiegen wir dieses Mal in einen Zug und zwar kostenlos! Aber dieses Mal gab es Plätze zum Sitzen, ist das nicht wunderschön? Nach langem Warten endlich mal sitzen. Der Zug brachte uns nach Österreich.

„Mum, wo gehen wir hin und was ist mit Papa los?“, fragte ich neugierig. „Wir müssen unsere Gruppe verlassen wegen Papa. Er muss zum Krankenhaus gehen, weil es ihm schlecht geht“, antwortete meine Mutter. Ach nein, jetzt muss ich wieder meine neuen Freunde verlassen. Erst verließ ich meine Heimat, meine Lieblingspuppen, meine Kindheitsfreunde, Verwandte und jetzt meine neuen Freunde noch, das ist zu viel. Aber eins wusste ich, nämlich dass das harte Leben den Menschen hilft, stärker zu werden. Wie auch immer, mein Vater ist das Wichtigste und ich verlasse alles, was mir wichtig ist für meinen Vater, weil er für uns viel opfert. Ich sah, wie mein Vater unter der Kälte litt und er hatte starkes Fieber. Außerdem musste er sich um zwei Familien kümmern: zwei Frauen mit sechs Kindern. Ist das nicht schwierig?

Als wir in Österreich angelangt sind, brachte die Erste Hilfe uns zu einer Kirche. Die Leute dort hießen uns willkommen und ließen uns bei sich übernachten. Weißt du, dort gab es Betten, Kissen und Decken. Als ich den Raum sah, dachte ich sofort an mein Zimmer zu Hause und verglich beide Räume im Kopf. Mein Zimmer hatte eine schönere Farbe und ich hatte ein gemütliches Bett. Hier war alles alt und ungemütlich. Vor allem aber mussten wir dieses Zimmer mit anderen Leuten teilten. Aber wie Mama schon gesagt hatte, ich flüchte in ein anderes Land. Auf einmal hörte ich jemanden, der an der Tür klopfte. Hä? Wer will jetzt noch reinkommen, wir sind schon zwanzig Familien in einem Zimmer! Ach, es war nur ein Mann. Er fragte nach Papa. Der fremde Mann fragte: „Wo ist der Patient?" Mein Vater lag im Bett und winkte dem fremden Mann zu. Ach, er war ein Arzt, die Erste Hilfe hatte mitbekommen, dass Papa krank war. Deswegen haben sie ihm einem Arzt geholt. Am nächsten Tag haben wir gefrühstückt und die Erste Hilfe gab uns Winterkleidung, weil wir keine Winterkleidung anhatten. Kein Wunder, dass Papa krank geworden ist. Hauptsache, dass wir am Nachmittag in Deutschland gelandet sind. Ja. Hurrra…wir sind da, fast da?

In Deutschland hießen die deutschen Polizisten uns willkommen. Sie haben uns gut behandelt. Was ich süß und nett fand, war, dass sie für uns unter der Brücke Obst vorbereitet haben. Alle mussten ihre Fingerabdrücke abgeben. Meine Geschwister und ich fingen an, das ganze Obst zu essen. Meine kleine Schwester sagte: „Schämt ihr euch nicht? Ihr tut so, als ob ihr im Leben kein Obst gesehen habt. Hört auf!“ Meine mittlere Schwester und ich äfften sie nach: „Schämt ihr euch nicht? Alte Oma sei leise. Wir wollen unseren Bauch voll mit Obst machen!“ Sie hat uns komisch angeschaut und gelacht, da ich eine Banane, einen Apfel und eine Orange zusammen aß. Aber wir haben letztendlich mal wieder gelacht, was mir sehr gefehlt hatte.

Aber wir waren noch nicht fertig, es ging weiter. Die Polizisten schickten uns mit dem Bus zu einem großen Zentrum, dort haben wir eine Nacht übernachtet. Bis zum nächsten Tag. Sie haben uns in verschiedene Gruppen geteilt. Wofür? Das wusste ich nicht, aber was ich wusste, dass wir nach Trier fahren werden. Ich wollte unbedingt wissen, wann wir in unser neues Zuhause gehen. Ich habe viel davon geträumt und jetzt der Moment der Wahrheit – aber Mama hat es verdorben. Sie behauptete: „Ich glaube, wir haben nicht so einen langen Weg oder doch? Ich weiß es nicht. Ich bin doch kein Prophet. Warum fragst du mich, frag doch deinen Vater!“

In Trier mussten wir unsere Pässe und unsere Ausweise abgeben. Nach diesem Abend fuhren wir mit dem Bus in ein Camp. In diesem Camp verbrachten wir einen Monat. Ich habe mich an die Atmosphäre angepasst. Als ich das erste Mal reinkam und sah wie das Camp aussah, da fehlten mir nur meine Freunde. Mehr als 20 Familien schliefen in einem großen Zimmer oder eine Art Halle. Krass, oder? Am Abend haben die Leute von dort für uns neue Bettwäsche gebracht, danach gingen wir essen, aber das Essen schmeckte eklig. Tut mir leid, es hatte so einen ekligen Geruch. Ich meinte zu Mama: „Mum, ich kann das nicht essen, das sieht schrecklich aus!“ Sie erwiderte: „Nein, probiere es zuerst, vielleicht schmeckt es doch gut?!“ „Nein, auf gar keinen Fall!“, sagte ich wütend und rannte weg.

Da das Essen uns nicht gefallen hat, haben wir einen Weg gefunden, wie wir in einem Einkaufzentrum einkaufen gehen konnten. Wir haben eine kleine Gruppe gebildet und sind mit dem Bus zusammen nach Saarbrücken gefahren. Als Papa wiederkehrte, fragte ich ihn, wie es so draußen war. Ob die Menschen nett sind und vieles mehr... Er versprach mir, dass ich nächstes Mal mit ihm gehen würde, damit ich nicht immer nachfragte, weil ich jemanden ziemlich nerven kann. Einige Tage sind vergangen und Papa wollte wieder einkaufen gehen. Es war eigentlich okay. Aber was peinlich war, war, als die Verkäuferin irgendwas sagte und wir sagten „ja, ja“ oder „nein, nein“. Schließlich haben wir was zum Essen gekauft. Was ich dir noch erzählen will, ist, dass ich neue Freunde gefunden habe. In diesem Camp sind so viele Kinder aus verschiedenen Ländern. Wir haben uns vorgestellt und mir fiel auf, dass wir etwas zusammen spielen müssen, und deshalb schlug ich vor, Verstecken zu spielen. Ich schloss meine Augen und zählte auf Deutsch „eins, zwei, drei...“. Bis drei konnte ich zählen, die anderen Zahlen waren ein bisschen schwierig. Wir hatten da so eine Art Kurs zum Lernen der Sprache. Es hat Spaß gemacht, aber auch nicht immer, denn der Lehrer hat uns irgendwas erzählt und wir sagten einfach: Okay. Aha. Verstanden.“ Ich fing an, die anderen Kinder zu suchen. Auf einmal sagte eine Frau: „Nein, hier dürft ihr nicht spielen!“ Ich schaute sie komisch an und dachte mir dabei: „Was sagt die da? Naja!“ Ich sagte zu ihr: „Okay“. Aber das hält mich nicht ab davon, zu spielen. Ich ging heimlich weiter suchen. Ich ging in die Mensa und habe da die vierte Person gefunden. Plötzlich sah die Frau wieder, sie schimpfte mit uns allen. Sie sagte: „Geht raus, ihr Zwerge, ich putze hier und ihr kommt und macht viel Arbeit für mich.“ Der ältere von uns hieß Ahmad und er hat sich bei der Frau entschuldigt. Da sein Deutsch gut war, konnte er sie ein bisschen verstehen. Aufgrund dessen gingen wir raus, um dort weiter zu spielen. Nach einigen Stunden hörten wir jemanden schreien: „Ihr Zwerge seid leise. Hier sind Menschen, die schlafen wollen!“ Wir schauten uns um, die Türe und Fenster waren zu. Wer kann uns denn noch hören? Was für eine Schlange, sie will alles verderben. „Hmmmm, Ahmad, was sollen wir jetzt machen?“ fragte ich. Er erwiderte ganz laut: „Na weiterspielen!“ Wir spielten weiter, bis meine Mutter mich rief: „Jara wir finden deinen Bruder nicht mehr! Komm und suche nach ihm mit uns!“ Nach langem Suchen haben wir ihn endlich gefunden, aber die Frage ist: Wo haben wir ihn gefunden? Er hatte sich mit der Security angefreundet. Na, da hat mein Bruder mal was Tolles gemacht.

Ankunft in Ingelheim im Dezember 2015

Am 1. Dezember wurden langsam Leute in ihre neuen Häuser verteilt und wir waren auch dabei. Als ich es mitbekam, dass wir das Camp verlassen müssen und in unser neues Haus gehen sollen, habe ich mich zuerst gefreut. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, ob ich mich freuen sollte oder auch nicht, da ich meine Freunde verlassen würde. Ich wusste nicht, ob wir in Kontakt bleiben würden. Aber ich werde schon neue Freunde finden, oder? Ich habe immer Angst, wenn ich jemanden verlassen oder verlieren werde oder auch nur das Wort höre. Als ich meine Großeltern oder meine Kindheitsfreunde verließ, habe ich dasselbe gefühlt. Es ist überhaupt nicht schön, aber man muss sich daran gewöhnen, Menschen, die man liebt, zu verlassen. Sonst schaden wir uns selbst. Aber ich werde immer wieder an sie denken und sie nie vergessen.

Wir packten unsere Sachen und fuhren mit dem Bus nach Ingelheim. Für uns klang der Ort damals echt schwierig. Während der Fahrt überlegte ich mir, was ich alles dort machen werde und wie ich die deutsche Sprache lernen werden. Na, da habe ich aufgehört nachzudenken und schlief ein. Nach einer halben Stunde sind wir ausgestiegen und zur Ausländerbehörde gegangen. Sie haben Bilder von uns gemacht und haben nach Informationen über uns gefragt. Als wir damit fertig waren, hat uns eine Frau zu unserem Haus gebracht. Als wir das Haus sahen, haben wir uns gefreut. Erstens werden wir nicht mit anderen Leuten unsere Zimmer teilen und wir werden ein neues Leben beginnen. Die Frau hat mit uns geredet, doch wir haben nichts verstanden. Sie nahm ihr Handy raus und hat etwas auf Arabisch übersetzt: „Das ist euer neues Haus. Ich hoffe, ihr werdet euch hier wohl fühlen, aber ich muss leider los. Tut mir leid!“

Nachdem wir uns verabschiedet haben, habe ich mich mal umgeschaut. Es war schon komisch. Ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen und wir können die Sprache nicht einmal sprechen. Oh Gott, das wird eine harte Arbeit für uns werden. Aber was soll‘s, wir werden es auf jeden Fall schaffen.

Ingelheim am 17. Dezember 2015

Heute ist ein besonderer Tag für mich, da ich zur Schule gehen werde. Hurrraaa! Ich habe mich schon lange darauf vorbreitet, wie ich mich vorstellen werde und was ich alles für die Schule kaufen werde. Ein Mann hat Papa angerufen. Er meinte, dass er eine Schule für mich gefunden hat und dass wir am Freitag zur Schule gehen werden, damit er mich in der Schule anmeldet.

Ingelheim am 18. Dezember 2015

Ich war sehr aufgeregt, obwohl ich vorher dachte, es wäre einfach. Doch da lag ich leider falsch, denn vor lauter Angst, hätte ich fast die Schule als einen großen Albtraum bezeichnet. Der Mann holte uns mit seinem Auto ab. „So Jara, bist du bereit? Du musst überhaupt keine Angst haben, ok?“, sagte er auf Arabisch. Wir gingen rein und die Direktorin hat mir ein paar Fragen gestellt und meinte, ich sollte am Montag zur Schule kommen und dass ich für einen Monat lang in einen Deutschkurs gehen werde.

Ingelheim am 21. Dezember 2015

Während des Wochenendes habe ich mehrmals geübt und war sehr aufgeregt. Ich ging in die Klasse rein, dort waren auch Leute, die meine Sprache sprachen, und es gab Schüler, die aus anderen Ländern kamen. Die Lehrerin hieß mich in der Klasse willkommen und fragte mich, ob ich mich vorstellen kann. Ich sagte: „Hi, ich heiße Jara und ich bin hier seit drei Wochen in Ingelheim.“ Ich danke dem Google-Übersetzer! Oh Mann, meine Aussprache war schrecklich, aber was soll es? Einige Mädchen haben mir die Schule gezeigt. Es war eigentlich ganz normal. Ich soll doch keine Angst haben. Auf dem Weg habe ich wohl viel Unsinn gedacht. Als ich nach Hause ging, sah ich eine deutsche Frau und einen arabischen Mann bei uns zu Hause. Ich fragte Mama: „Mama, wer sind die?“ Sie antwortete: „Ach Jara, dank deiner kleinen Schwester haben wir jetzt Freunde. Frau E., sie wird uns gerne unterstützen, zum Beispiel bei Briefen, denn du wirst bestimmt nicht alles verstehen, deshalb wird sie es für uns machen.“

Am nächsten Tag kam Frau E. zu uns und wollte uns mit sich nehmen. Sie wollte uns ein bisschen helfen, uns an alles zu gewöhnen. Ich war so dickköpfig und wollte nicht raus gehen, ich habe stattdessen weitergelernt. Immer wieder, wenn sie zu uns kam und meine Geschwister mit sich nahm, war ich dagegen,  mit ihnen raus zu gehen. Ich habe mich versteckt und schaute aus dem Fenster, wie sie Spaß hatten, aber ich habe wichtigere Dinge vor mir. Wenn meine Geschwister glücklich sind, dann bin ich auch glücklich.

Nach einem Monat in Ingelheim im Januar 2016

Ich kann die neue Sprache jetzt teilweise verstehen und gehe daher in die 5. Klasse in meiner neuer Klasse. Klingt gruselig, oder? Ich will nicht so viel darüber erzählen, aber da gab es doch ein paar Schüler, die dumm waren, weil sie sich über mich und meine Freunde aus dem gleichen Land lustig gemacht haben. Ich wusste, dass es solche dummen Schüler hier geben wird. Eine, die sagte: „IiiiiIh, ich hasse Syrien!", und die andere sagte: „Ihr sollt von hier weggehen. Das ist unser Land!“ Sie sagte so etwas, obwohl sie selbst keine Deutsche war. Meine Freunde und ich haben uns beleidigt gefühlt und deshalb gingen wir zu meiner Klassenlehrerin und sie meinte, wir sollen sie ignorieren. Ich war einverstanden und habe sie ignoriert und wir haben so getan, als hätten wir nichts gehört. Doch sie kamen immer wieder mit anderen Sprüchen wie: „Ihr werdet die deutsche Sprache niemals beherrschen, Scheiß Ausländer!“ Ich wollte weinen und einfach schreien: „Hört auf! Ja, wir sind Ausländer. Wir sind auch Menschen, genau wie ihr es seid. Ihr habt hier doch etwas über Menschenrechte gelernt, na zeigt uns es mal. Wo sind die Menschenrechte hier?“ Ich konnte es leider nicht sagen und rannte sofort weg und habe mich in einer Ecke versteckt und geweint. Es hat ihnen langsam Spaß gemacht, uns fertig zu machen. Aber da musste ich mal was unternehmen und sammelte meine Mut zusammen und sagte zu ihnen: „Wartet mal, was für eine Farbe hat denn euer Blut, he?“ Sie antworteten: „Na rot.“ Ich habe dieselbe Farbe. Egal, ob ich aus einem anderen Land komme, wir sind alle Menschen. Und meint ihr, dass das gerecht ist, was ihr da tut?“, fragte ich. Sie haben gelacht und haben gesagt, dass ich nur Blödsinn rede und dass sie mich nicht verstehen und sind dann weggelaufen. Ach, es hat nicht geklappt, was soll ich jetzt machen? Ich fragte mich selbst: „Warum bin ich hier und was ist überhaupt mein Ziel? Ja genau, die Sprache zu beherrschen und zu beweisen, dass ich es kann.“

Ingelheim im Jahr 2017

Sie haben sich leider weiter über uns lustig gemacht. Ich will es jemanden erzählen, der mich beraten kann, wie ich mit so einer Situation umgehen soll. Ich konnte es nur einer Lehrerin erzählen: Frau W., meiner Deutschkurslehrerin. Obwohl mein Deutsch nicht so gut war, konnte sie mich verstehen. Sie verstand mich und hatte gerne Vorschläge gegeben. Ich habe nie im Leben meine Probleme in der Schule meinen Eltern erzählt, denn ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Aber ich brauchte jemanden, dem ich vertrauen kann und erzählen kann, was mit mir passiert. Deshalb habe ich mich für Frau W. entschieden.

Genau nach einem Jahr, das war in der 6. Klasse, habe ich es endlich geschafft. Du fragst dich, was ich geschafft habe, richtig? Ich habe das beste Zeugnis in der Klasse bekommen. Als der Direktor die Zeugnisse verteilte und meine Namen erwähnte, war ich schockiert. Ich zitterte und meine Beine haben auch mit mir getanzt. Das war das beste, was ich in dieser Schule erlebt habe. Oh Gott, du solltest nur in die Gesichter von meinen Klassenkameraden schauen. Als ich reinkam, wollte ich nur laut lachen. Alle hatten den Mund auf. Eine meinte: „Was, Jara hat das beste Zeugnis?“ Ich will nur „Danke“ sagen den Leuten, die mich fertiggemacht haben. Denn das dachten sie nur, dass, wenn sie mich dumm nennen, dass aus mir nichts wird. Nein, sie haben mich stärker gemacht und ich habe daraus etwas gelernt. Ich entschied mich, auf ein Gymnasium zu gehen. Aber bevor ich den Klassenraum verließ, sagte ich zu allen: „Leute, ihr sollt damit aufhören! Ihr sollt nicht auf das Aussehen achten, sondern wie der Mensch innen ist. Ihr meintet, ich werde die Sprache niemals sprechen können, na da habt ihr es. Jetzt diskutieren wir und verstehen uns gegenseitig. Ihr wisst nicht, die deutsche Sprache ist nicht einfach. Und stellt euch vor, ihr müsst eurer Land verlassen und wieder neu beginnen, neue Freunde finden, eine neue Schule, alles neu und fremd. Wie würdet ihr euch in dieser Situation fühlen? Aber habt schöne Sommerferien, tschau.“

Ich hoffe, diese Kinder werden sich mal ändern. Endlich habe ich mich getraut, es denen ins Gesicht zu sagen. Oh ja! Jetzt beginnt mein Leben, schöner zu werden. Ich fühle mich zwar ein bisschen fremd hier und verlaufe mich manchmal, aber das wird schon besser. Meine Familie hat sich sehr darüber gefreut. Und jetzt genieße ich ein bisschen meine Ferien!

Seit dem Sommer 2017 besucht das Mädchen, das sich selbst im Text Jara nennt, unsere Schule. (Anmerkung der Redaktion)