Eine halbe Stunde mit dem berühmtesten Dirigenten der Welt

Ein Erfahrungsbericht

„Mit zwölf Jahren habe ich mir erträumt, mein ganzes Leben lang Schlagzeug in Musicals, wie West Side Story – ihr kennt West Side Story, oder?“, begeistertes Nicken von uns Schülern, „zu spielen, bis ich ein Konzert von Mahlers 2. Sinfonie hörte. Da wusste ich, Schlagzeug spielen reicht mir nicht, ich muss das gesamte Orchester spielen.“ Das war der prägendste Satz, der mir von dem Gespräch mit dem britischen Stardirigenten Sir Simon Rattle und meinem Musikleistungskurs vor einigen Wochen im Gedächtnis blieb. 

Mein Leistungskurs Musik, 12. Klasse, vom Sebastian-Münster-Gymnasium besteht aus elf Schülern, die mit ihrem Lehrer Gerd Klein Mitte Mai auf Studienfahrt nach London gefahren sind. Dabei ergab sich auch die Möglichkeit, ein Konzert des London Symphony Orchestra (LSO) unter der Leitung von Sir Simon Rattle zu besuchen.

Wir hatten die Möglichkeit, mit dem Stardirigenten eine halbe Stunde vor der Generalprobe in der Concert Hall zu sprechen. 

Was fragt man eigentlich den berühmtesten Dirigenten der Welt? Wir hatten uns im Vorfeld gut informiert und so kamen wir schnell in ein gutes Gespräch. Eine Lieblingsmusikrichtung habe er nicht, aber zur Entspannung höre er gerne Jazz. Rattles Vater war Jazzpianist in einer Combo und dementsprechend wurde er früh durch den Jazz geprägt. Die Jazzmusik erinnere ihn an seine Kindheit, so Rattle.

Ob er wisse, was den perfekten Orchesterklang ausmacht? „Das kommt auf die Art der Musik an. Ehrlicherweise versuche ich in jeder Sekunde meiner Arbeit dieses Geheimnis zu lüften. Vielleicht merkt ihr es in der Generalprobe.“

Tatsächlich fiel uns auf, dass jede Musik andere Hingabe benötigt: Bei Roberto Gerhards Sinfonie Nr. 3, einem zeitgenössischem Werk, waren technisch animierte Klänge die Grundlage der Musik. Bei Richard Strauß‘ Vier letzten Liedern musste das Orchester bis an sein dynamisches Minimum gehen, um die zarten Klänge der Sopranistin Lucy Crowe hörbar zu machen. 

Als wir uns nach der Generalprobe mit den uns bekannten drei Musikern aus dem LSO, Martin Field, Belinda McFallane und Kathie Smith, zusammensetzten und fragten, was das Besondere an Sir Simon Rattles Dirigat sei, kam prompt die Antwort: „Habt ihr euch seine Hände angesehen? Er spielt das Orchester wie ein Instrument. Er zieht alle in den Klang mit ein.“ 

Und dass Sir Simon seine Fähigkeit, das Orchester zu „spielen“, perfektioniert hat, wurde mir und meinen Mitschülern im ersten Satz von Gustav Mahlers 4. Sinfonie bewusst. Als Rattle aus den Streichern einen warmen, sehnsuchtsvollen Klangteppich bildete, kullerten nicht nur aus meinen Augen einzelne Tränen.

Georg von Schönburg 12MU (KLE)