Diese Frage drängt sich dem Publikum in der Tragödie „Antigone“ nach Sophokles in der Fassung von Roland Schimmelpfennig geradezu auf. Der Französisch-LK der 12. Jahrgangsstufe besuchte das Theaterstück im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden.
Sophokles‘ Tragödie aus dem 5. Jahrhundert vor Christus erscheint wieder brandaktuell. Was ist der Stoff?
Die Zwillinge Polyneikes und Eteokles, Söhne des Ödipus, sollen sich die Herrschaft über Theben teilen. Da Eteokles seinem Bruder nicht nach einem Jahr den Thron überlässt, kommt es zu einem Krieg zwischen beiden Brüdern. An dessen Ende erstechen sie sich gegenseitig. Kreon, ihr Onkel, übernimmt die Herrschaft. Er verweigert jedoch dem gefallenen Polyneikes die Bestattung. Nun tritt Antigone, die Schwester der Toten, in Aktion. Sie stellt sich gegen das Gesetz ihres Onkels und verfolgt den Plan, ihren Bruder zu bestatten, um ihm damit die letzte Ehre zu erweisen. Antigone setzt der patriarchalischen Ordnung Kreons ihre moralischen Werte entgegen und untergräbt damit das autoritäre System.
Der Regisseur Charkviani inszeniert Antigones Akt des Widerstands, indem er die Schauspielerin in körperliche Extremzustände versetzt: Rücklings auf einem Klavier liegend, den Kopf nach hinten herunterhängend, trägt Antigone ihren wichtigsten Monolog vor: laut und rebellisch!
Beeindruckend auch, welche Parallelen der Regisseur zu modernen Widerstandskämpferinnen in autokratischen Staaten zieht: Durch Videoaufnahmen werden gegenwärtige Protestbewegungen eingespielt und der antike Stoff aktualisiert.
Ein sehr interessanter Theaterabend, der bei einem französischen Frühstück am nächsten Morgen nachbehandelt werden musste: Wie war das Bühnenbild zu verstehen, welche Wirkung hatten die musikalischen Einspielungen und wie verhielt sich dieses Stück zur „Antigone“ von Jean Anouilh, die gerade im Unterricht gelesen wird?
Die Nacht des Theaters hallte noch lange nach.
Pia Buck-Schulte