Ein Feedback zur Theateraufführung des „Woyzeck“ in Wiesbaden aus der Sicht Georg Büchners von Lisann Mildner
Am 15. Januar begab sich der Deutsch-LK von Frau Reisinger gemeinsam mit zwei Deutsch Grundkursen zum Wiesbadener Staatstheater, um eine Aufführung und somit auch eine Interpretation meines Dramas „Woyzeck“ zu erleben. Natürlich verpasste auch ich nicht die Chance, mein unvollendetes Werk auf der Bühne zu betrachten. Das Stück wurde in einem prachtvollen Saal aufgeführt und begann überraschend. Zuerst sah ich eine KI-Version meiner selbst als Projektion, die von Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen sprach. Dann begann das Stück mit einem zentralen Thema meines Werkes, der Erbsen-Diät, welche mein Protagonist Woyzeck zu Forschungszwecken des Doktors durchführen muss.
Sofort fielen mir die Kostüme auf, denn nicht nur Woyzeck trug Kleidung, die ich mir so nicht überlegt hätte. Es wirkte sehr „modern“. So weit, so gut. Doch nachdem wir Woyzeck kennengelernt hatten, welcher recht gut dargestellt war – mir gefiel besonders der Ausdruck seiner Emotionen – begann recht schnell die erste musikalische Darbietung des Abends, welche sich im Verlauf der Aufführung noch häufen sollten. Es wurde gesungen, Gitarre gespielt und früher oder später tauchte ein, mit dieser modernen Technik entwickeltes, Pferd auf, welches gen Sonnenuntergang ritt. Dieser erste interessante Stilbruch wurde allerdings schnell von deutlich eindrücklicheren Darstellungen abgelöst. Immer mehr wild gekleidete Figuren, mithilfe von künstlicher Intelligenz kreierte Tiere, überraschende, wohl eher erschreckende, künstlerische Darstellungen, tauchten auf. Bald fragte ich mich, wer auf all diese Ideen gekommen war und inwiefern mein geschriebenes Stück dazu als Inspiration gegolten hatte. Dennoch folgte ich weiterhin teils interessiert, teils verwirrt, dem Geschehen. Zwischenzeitlich stellte ich mir die wohl berechtigte Frage, ob ich versehentlich bei einem modernen Konzert für Menschen mit speziellem Musikgeschmack gelandet war, freute mich dann aber wieder, als eine meiner liebsten Szenen, die Rasier-Szene mit Woyzeck und dem Hauptmann, recht textgetreu dargestellt wurde.
Als das Stück dann schließlich vorbei war, nach einem vollkommen anderen (vor allem drastisch veränderten und stark von Kraftausdrücken geprägten) Ende, fiel ich erleichtert in meinen Stuhl zurück. Auch wenn ich die wohl aktuellen Themen der Gesellschaft, welche in Rap-Form eingebaut wurden, wahrgenommen und teils verstanden hatte, war ich fast entsetzt darüber, dass mein geschriebenes Ende einfach weggelassen worden war: Marie wurde nicht von Woyzeck erstochen, sondern verließ den Vorstellungsraum. Das war wohl insgesamt eine moderne Interpretation, welche ich als Autor des Stückes schwerlich nachvollziehen kann.
Mit lauter (wortwörtlich lauten) Eindrücken und bunten Bildern von tanzenden Figuren und muskulösen Tieren – den Beat noch in den Ohren – verließ ich das Theater.
Links und rechts vernahm ich wilde Diskussionen und allerlei verschiedene Meinungen bezüglich dieser Interpretation meines Stückes. Ich als Autor des „Woyzeck“ muss mich wohl den teils entsetzten und überraschten Eindrücken anschließen, denn das hatte ich an diesem Abend nun wirklich nicht erwartet.


Lisann Mildner, MSS 12/ LK Deutsch, alias Georg Büchner
Hier noch eine weitere Rezension des am 15.01.2026 aufgeführten Theaterstücks „Woyzeck“ im Staatstheater Wiesbaden. Die Verfasserin hat sich nach der vorherigen Lektüre des Faust I überlegt, wie die Personen im „Vorspiel auf dem Theater“ wohl über diese Inszenierung gedacht und geurteilt hätten:
Hört auf die lustige Person!
Ein Dialog der Figuren aus „Vorspiel auf dem Theater“ in Faust I
Lustige Person: Was hat euch an der modernen Inszenierung von „Woyzeck“ gefallen?
Direktor: Ich mochte besonders die actionreichen Szenen mit viel lauter Musik! Vor allem, als die KI-Projektionen dazu kamen, war so richtig schön viel zu sehen auf der Bühne. Das hat den jungen Leuten gefallen!
Dichter: Ach Quatsch! Die wirklich wichtigen Inhalte wie die Kritik an Rassismus und an Gewalt gegen Frauen waren das Beste. Allerdings hat der von dir so gefeierte Humbug diese Aussagen so überdeckt, dass ich gar nicht weiß, ob ich alle Inhalte verstanden habe.
Direktor: Aber darum geht es doch nicht! Durch die plötzlich aufgetretenen modernen Szenen und die KI wurde die Jugend angesprochen; eben gerade die Zielgruppe, die öfter ins Theater kommen soll.
Lustige Person: Wenn ich mich da mal kurz einhaken dürfte: Ihr habt beide Recht und Unrecht! Es ist gut, die jungen Leute anzusprechen. Doch abgesehen davon, dass die Version von „Woyzeck“ bei weitem nicht allen Jugendlichen gefallen hat, darf man auch die älteren Leute bzw. die Leute nicht vergessen, die eine ganz klassische Inszenierung erwartet haben und mit der ganzen künstlichen Intelligenz sowie der Rap-Musik nichts anfangen können. Und Dichter, du hast natürlich Recht: Die ganze Action hat den Botschaften nicht gerade gutgetan.
Doch die Kunst liegt darin, jetzt nicht einfach alles Spannende wegzulassen und das Stück komplett originalgetreu vorzustellen. Viel eher muss ein Mittelweg gefunden werden. Die Musik kann bleiben – nur nicht so oft, abrupt und laut. Die KI kann bleiben – aber nicht so viel und eher zum Zweck, Büchner zum Leben zu erwecken, als mit tanzenden muskulösen Affenmenschen, die Zuschauer zu verstören.
Die Botschaft sollte bleiben – aber klar und deutlich zu verstehen sein und keine allzu ausufernde und obzöne Wortwahl dabei getroffen werden.
Doch auch die originalgetreuen Szenen können bleiben, solange sie mit den moderneren Abschnitten durch flüssige Übergänge verknüpft werden. Ein unterhaltenes UND zum Denken angeregtes Publikum – würde das nicht euch beide glücklich machen?
Elisabeth Burwinkel (D LK/ RSN, MSS 12)